Wie wirksam sind Zertifizierungen in der Wohnungs- und Immobilienwirtschaft?
 

Die Arbeitsgemeinschaft der Wohnungs- und Immobilienverbände in Hessen (AWI-Hessen) hat sich in ihrer Herbstkonferenz am 15. November mit dem Thema „Zertifizierung in der Wohnungs- und Immobilienwirtschaft“ befasst. Rund 50 Teilnehmer aus der Wohnungs- und Immobilienwirtschaft waren in Frankfurt zusammengekommen, um sich anhand von Fachvorträgen unter anderem über die unterschiedlichen Aspekte und Kriterien sowie die grundsätzliche Wirksamkeit von Zertifizierungssystemen in der Wohnungs- und Immobilienwirtschaft zu informieren.

Güte- und Prüfsiegel, Auditierungen und Qualitätsmanagement - in vielen Wirtschaftsbereichen werden durch Zertifizierungen zunehmend Prozesse, Produkte und Dienstleistungen mess- und kommunizierbar gemacht. Im Gebäudebereich haben sich Labels und Zertifikate mit Standards und Messgrößen für bauliche Qualitäten bereits etabliert und auch im Bereich der Wohnungs- und Immobilienwirtschaft drängen mehr und mehr Zertifizierungssysteme auf den Markt. Zertifizierungssysteme, in denen ganze Wohnungsunternehmen, einzelne Wohngebäude und ganze Wohnquartiere bewertet werden und die bereits Marktrelevanz entwickelt haben. Gleichzeitig sorgt die stetig steigende Zahl der Zertifikate und Prüfsiegel für zunehmende Verwirrung bei den Unternehmen oder geht sogar - wie im Falle des staatlich verordneten Energieausweises - am tatsächlichen Informationsbedürfnis der Endkunden vorbei. Doch was kann Zertifizierung in der Wohnungs- und Immobilienwirtschaft tatsächlich leisten? Wo liegen die Potenziale und wo liegen möglicherweise Risiken?

In ihrer nunmehr dritten Herbstkonferenz hat die Arbeitsgemeinschaft der Wohnungs- und Immobilienverbände Hessen diese zentralen Fragen aufgegriffen und anhand von Fachvorträgen versucht, die unterschiedlichen Aspekte, Modelle, Ausprägungen und Kostenfaktoren sowie die grundsätzliche Wirksamkeit von Zertifizierungssystemen in der Wohnungs- und Immobilienwirtschaft zu diskutieren und kritisch zu würdigen. Einen wesentlichen Schwerpunkt bildete dabei insbesondere die Nachhaltigkeitszertifizierung.

Nachhaltigkeitszertifizierung in der Wohnungs- und Immobilienwirtschaft

Eingeleitet wurde die Fachkonferenz durch einen Vortrag von Dr. Wolfgang Eckart, Referatsleiter im Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung (BMVBS), der die Rolle des Bundes bei der Nachhaltigkeitszertifizierung in der Wohnungs- und Immobilienwirtschaft darstellte. Grundlage für das Engagement der Bundesregierung in diesem Bereich bildet ein Maßnahmenplan der Bundesregierung zur Nachhaltigkeit aus dem Jahr 2010, in dem das nachhaltige Bauen eine wesentliche Rolle einnimmt. Danach soll die Bundesregierung unter anderem durch gute Vorbilder bei den eigenen Bauaktivitäten verstärkte Impulse zur Entwicklung des nachhaltigen Bauens geben. Um diesem Anspruch gerecht zu werden, hat das BMVBS gemeinsam mit der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB) das „Bewertungssystem Nachhaltiges Bauen“ (BNB) für neu gebaute Büro- und Verwaltungsgebäude entwickelt. Über einen Kriterienkatalog, Gewichtungen und Punkte für die einzelnen Kriterien können so Gesamtnoten ermittelt und Gebäuden die Prädikate „Gold“, „Silber“ oder „Bronze“ zugeordnet werden. Die Hauptkriterien des Nachhaltigkeitssiegels sind die ökologische und die ökonomische Qualität, die sozio-kulturelle und funktionale Qualität, die technische Qualität und die Prozessqualität.

„Nachhaltiger Wohnungsbau“

Angesichts der Bedeutung des Wohnungsbaus für eine nachhaltige Entwicklung widmete sich Ingrid Vogler vom GdW Bundesverband deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen in ihrem anschließenden Vortrag der Frage, wie das BNB in Bezug auf den nachhaltigen Wohnungsneubau weiter entwickelt und eine Beschreibung und Bewertung der Nachhaltigkeit von Wohnbauten erfolgen könne. Um Antworten auf diese Frage zu finden, wurde auf Initiative der Wohnungswirtschaft die gemeinsame Arbeitsgruppe "Nachhaltiger Wohnungsbau" des GdW mit dem BMVBS und weiteren Verbänden eingerichtet, die im Verlauf der letzten beiden Jahre ein System zur Nachhaltigkeitsbewertung neuer Wohngebäude entwickelt hat, welches methodisch wohnungswirtschaftliche Anforderungen umsetzt. Das Bewertungssystem liegt nun vor und wird derzeit in einem Testlauf mit sechs Unternehmen noch einmal praktisch überprüft. Aus Sicht Voglers ist das Bewertungssystem geeignet zu einer Anwendung als Leitfaden, als Planungshilfe und zur Unterstützung der Qualitätssicherung. Dabei bleibt es freiwillig und ist derzeit ausschließlich für neue Wohngebäude gedacht. Derzeit prüft die Wohnungswirtschaft, in welcher Form das Gesamtsystem „Nachhaltiger Wohnungsbau“ angeboten und umgesetzt werden kann. Grundvoraussetzung für eine erfolgreiche Etablierung auf dem Markt ist allerdings unter anderem ein angemessenes Verhältnis von Aufwand und Nutzen sowie eine entsprechende Nachfrage.

Marktreife Zertifizierungssysteme im Bereich der Gebäudezertifizierungen wurden anschließend von Delia Carls, Mitarbeiterin der TÜV Nord Cert, vorgestellt. Die TÜV Nord Cert bietet unterschiedlichste Zertifizierungssysteme für die Klimaneutralität von Gebäuden an, bezogen auf den gesamten Lebenszyklus – von der Errichtung über die Nutzung bis zum Rückbau. Dabei lassen sich die Gebäudezertifikate des TÜV Nord auf alle Gebäudetypen anwenden, basierend auf einer messbaren und nachvollziehbaren Berechnungsgrundlage und ermöglichen so insbesondere die internationale Vergleichbarkeit.

Ein praxisnahes Beispiel für die Zertifizierung einer ganzen Wohnsiedlung wurde dann zum Abschluss durch Ingrid Hallerbach von der THS Wohnen vorgestellt. Das Zertifikat „Lebensqualität in Siedlungen“ ist im Frühjahr und Sommer 2007 gemeinsam von der THS und dem TÜV Rheinland als Steuerinstrument für ein umfassendes Qualitätsmanagement im Quartier erarbeitet und der Fachöffentlichkeit vorgestellt worden. Absicht der THS war es dabei unter anderem, Wohnen als integrativen Bestandteil einer qualitätsvollen Lebenswelt zu verstehen und die Definierung eines einheitlichen Maßstabs/Standards für Quartiersqualitäten für das gesamte Unternehmen. Das neue Qualitätszertifikat umfasst acht Themenfelder mit rund 120 Kriterien, die in einem Audit relevant sind. Aus Sicht der THS Wohnen, so auch das Fazit nach nunmehr fünf Jahren, leisten das Zertifikat und der damit in Gang gesetzte Qualitätsmanagementprozess einen Beitrag, privatwirtschaftlich verantwortete Quartiersarbeit unabhängig von Einzelstandorten messbar und damit regelbar zu machen.

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